Schmerzen bei Menschen mit komplexer Behinderung: Das oft übersehene Leid

21. Mai 2024

Wir alle kennen Schmerzen und wissen, wie sehr diese unser Wohlbefinden beeinträchtigen können. Um Abhilfe zu schaffen, ist es von großer Bedeutung, dass wir über unsere Schmerzen kommunizieren können: Wo tut es weh? Seit wann? Und wie fühlt sich der Schmerz an? Für Menschen mit komplexen Behinderungen ist das weitaus komplizierter, denn sie können ihre Schmerzen nicht immer klar ausdrücken. Dieses Kommunikationsdefizit stellt eine Herausforderung für die Betroffenen sowie für Angehörige und betreuende Fachkräfte dar. Dabei können unerkannte Schmerzen schwerwiegende physische und psychische Konsequenzen nach sich ziehen.

Schmerz ist nicht gleich Schmerz

Grundsätzlich sind Schmerzen und ihre Wahrnehmung sehr subjektiv. Stets wichtig ist es deshalb, die Äußerungen einer betroffenen Person ernst zu nehmen. Schmerz ist alles, was die oder der Betroffene als schmerzhaft empfindet. Dabei können Schmerzen sowohl von innen als auch von außen entstehen. Innere Schmerzen sind z. B. Zahnschmerzen infolge von Karies, Gelenkschmerzen durch Skoliose oder Bauchschmerzen aufgrund einer Verstopfung. Andererseits können Schmerzen auch von außen zugeführt werden. Das kann beispielsweise durch Maßnahmen der Behandlungspflege (Absaugen, Katheterisieren, …) nach Operationen oder auch durch eine ungünstige Lagerung passieren. 

Herausforderungen bei der Schmerzerkennung

Die Erkennung von Schmerzen bei Personen, die nicht in der Lage sind, sich verbal zu äußern, ist komplex. Dabei sind gerade Menschen mit Schwerst-/Mehrfachbehinderung aufgrund chronischer Erkrankungen mehr als jede andere Bevölkerungsgruppe von Schmerzen betroffen. Sie können auftretende und anhaltende Schmerzen jedoch nicht gut einordnen, ihre Ursachen nicht erkennen und auch nicht wirkungsvoll kommunizieren. Zudem kennen sie oft keine Selbsthilfemöglichkeiten, um mit den Schmerzen adäquat umzugehen. Umso wichtiger ist es, dass das betreuende Umfeld eine hohe Sensibilität entwickelt, um die oft subtilen Anzeichen zu verstehen und richtig zu interpretieren. Dabei fließen allerdings auch beim Gegenüber bestimmte Vorannahmen mit in die Schmerzerkennung ein, etwa Sichtweisen auf das Verhalten des Menschen mit Behinderung, das eigene Schmerzerleben oder die aktuelle emotionale Befindlichkeit.

 

Unerkannte und unbehandelte Schmerzen können jedoch teils schwerwiegende psychische und physische Folgen haben. Rein statistisch gesehen werden schwere Erkrankungen mit erheblichen Schmerzzuständen bei Menschen mit komplexer Behinderung deutlich später erkannt, wodurch etwa im Falle einer Krebserkrankung die Überlebenschancen sinken. So diffus Schmerzen sein können, so unterschiedlich und uneindeutig können Äußerungen über schmerzhafte Zustände sein. Treten etwa Verhaltensänderungen wie Frust und Aggression auf, werden diese schnell missinterpretiert, was zu einer Spirale aus Missverständnissen führen kann. Dabei ist das Verständnis dieser Signale für die Lebensqualität der Betroffenen essenziell.

Schmerzen erfolgreich erkennen

Kommen wir nun zu der zentralen Frage, wie man Schmerzen richtig und frühzeitig erkennen kann. Grundsätzlich gibt es hierfür kein Pauschalrezept. Doch existieren einige typische physische und verhaltensbezogene Indikatoren, die auf Schmerzen hindeuten können. Dazu gehören etwa:

 

  • Schmerzverzerrte Mimik
  • Veränderte Körperhaltung / Schonhaltung
  • Flache, beschleunigte Atmung
  • Blasse oder hochrote Hautfarbe
  • Schlafstörungen
  • Schwitzen, Frieren, Zittern
  • Appetitlosigkeit / Verweigerung von Mahlzeiten
  • Aggressives Verhalten (sich selbst und/oder anderen gegenüber)
  • Lautäußerungen wie Weinen, Schreien oder Jammern
  • Panikreaktionen
  • Agitation
  • Rückzug
  • Verweigerung von Aktivitäten

 

Je akuter eine körperliche Veränderung oder eine Änderung im Verhalten auftritt, desto eher müssen Schmerzen als Auslöser in Betracht gezogen werden. Manche Betroffene neigen außerdem zu einer Überformung ihres Ausdrucks, wenn sie etwa in der Vergangenheit erfahren haben, dass auf ihr Verhalten bei Schmerzen nicht oder gar ablehnend reagiert wurde.

Strategien und Ansätze zum Schmerzmanagement

Es gibt verschiedene Ansätze im Schmerzmanagement für Menschen mit komplexen Behinderungen. Dazu gehören etwa bewährte, speziell entwickelte Schmerzfragebögen wie die EDAAP-Skala und die CPS-NAID. Auch Schmerzskalen, Smileys sowie Unterstützte Kommunikation mit Bildern können helfen, das Ausmaß der Schmerzen einzuordnen. Doch gerade bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen bleibt oft nur die reine Schmerz-Fremdbeobachtung. Umso wichtiger ist eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Pflege- und Betreuungspersonal, Ärzt*innen, Therapeut*innen und Angehörigen. In jedem Fall ist es immer wichtig, dem Gegenüber zu zeigen, dass seine Schmerzen wahr- und ernst genommen werden.

Fazit: Schmerzen erkennen und lindern

Die Bedeutung einer adäquaten Schmerzerkennung und -behandlung für Menschen mit komplexen Behinderungen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wo die verbale Kommunikation nicht gewährleistet ist, spielt das Umfeld bei der Erfahrung und Behandlung von Schmerzen eine entscheidende Rolle. Bezugspersonen müssen ganz besonders aufmerksam sein und die diversen Äußerungsformen von Schmerzen wahrnehmen, um sie letztlich auch interpretieren und die Schmerzursache behandeln zu können.

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