Früher beraten, weniger überlastet - So nutzen Angehörige die Pflegeberatung ab 2026 optimal
Michael sitzt am Küchentisch. Vor ihm: ein Stapel ungeöffneter Post. Bescheide von der Pflegekasse, Rechnungen vom Sanitätshaus, Anträge auf Hilfsmittel. Seine Mutter, 82 Jahre alt, hat seit drei Monaten Pflegegrad 3. Seitdem versucht er, Pflege und Beruf unter einen Hut zu bringen. Tagsüber arbeitet er, abends fährt er zu seiner Mutter. Wochenenden verbringt er mit Arztbesuchen und Papierkram.
Heute hat er einen Anruf von der Pflegekasse verpasst. Es ging um einen Beratungsbesuch. Michael weiß nicht genau, was das ist, ob er muss oder ob er kann - und vor allem: wer ihm dabei helfen soll, den Alltag zu organisieren.
Solche Situationen sind für pflegende Angehörige Alltag. Viele kennen Pflegeberatung nur als Pflichttermin, als Kontrolle. Dabei ist sie viel mehr: ein Instrument zur Orientierung, zur Entlastung, zur Prävention. Und genau diese Seite soll ab 2026 gestärkt werden.
Pflegeberatung gibt es schon lange - was ändert sich 2026?
Pflegeberatung ist kein neues Instrument. Sie ist seit Jahren gesetzlich verankert und ein fester Bestandteil der Pflegeversicherung. Doch in der Praxis wird sie oft missverstanden: als lästige Pflicht, als Kontrolle, als bürokratischer Akt.
Ab 2026 verschiebt sich die Gewichtung. Durch das Bürokratieentlastungsgesetz (BEEP) wird Pflegeberatung neu ausgerichtet:
Weniger Pflicht, mehr Orientierung: Die verpflichtenden Beratungsbesuche für Pflegegrad 4 und 5 werden von vierteljährlich auf zweimal jährlich reduziert. Das nimmt Druck raus – besonders für Angehörige, die Beratung bisher als Kontrolle empfunden haben.
Mehr Prävention, weniger Kontrolle: Gleichzeitig wird der Anspruch auf ergänzende, individuelle Beratung gestärkt. Wenn bei einem Beratungsbesuch Unterstützungsbedarf festgestellt wird, besteht künftig ein klarer Anspruch auf weitere Gespräche nach § 7a SGB XI.
Mehr Raum für Gespräche, weniger administrative Hürden: Die Beratung soll weniger abgehakt, sondern gezielt genutzt werden - dort, wo sie wirklich hilft.
Diese Verschiebung mag leise sein. Aber sie hat das Potenzial, Pflege früher zu entlasten - und genau dort anzusetzen, wo Unterstützung am meisten hilft: bevor Überforderung entsteht.
Pflege und Selbstbestimmung – kein Widerspruch
Pflege wird häufig als Gegenpol zur Selbstbestimmung wahrgenommen. Als etwas, das automatisch fremdbestimmt. Diese Sicht greift zu kurz.
Das Problem ist nicht Pflege an sich. Das Problem ist Pflege, die wenig Zeit lässt. Pflege, die stark standardisiert ist. Pflege, die Entscheidungen ersetzt, statt sie zu begleiten.
Gute Pflege kann Selbstbestimmung stärken. Dann, wenn sie erklärt, abstimmt und mitträgt. Wenn sie Raum lässt für Wünsche und Gewohnheiten. Wenn sie nicht nur auf das „Was muss getan werden?“ schaut, sondern auch auf das „Wie möchte jemand leben?“.
Selbstbestimmung entsteht nicht trotz Unterstützung, sondern durch gute Unterstützung.
Zwei Arten der Pflegeberatung - was ist der Unterschied?
Um die Änderungen zu verstehen, hilft ein Blick auf die beiden Formen der Pflegeberatung:
Beratungsbesuch nach § 37.3 SGB XI:
Dieser ist verpflichtend für alle, die Pflegegeld beziehen (also Pflege durch Angehörige selbst organisieren). Er dient der Qualitätssicherung und soll sicherstellen, dass die Pflege gut läuft. Bisher musste er bei Pflegegrad 4 und 5 vierteljährlich stattfinden – ab 2026 nur noch halbjährlich.
Individuelle Pflegeberatung nach § 7a SGB XI:
Diese ist freiwillig, umfassend und lösungsorientiert. Sie hilft bei der Planung der Pflege, bei Anträgen, bei der Organisation von Hilfen. Sie kann jederzeit in Anspruch genommen werden - auch mehrfach. Genau diese Form wird 2026 gestärkt: Wer sie braucht, hat einen klaren Anspruch darauf.
Der Unterschied: Der Beratungsbesuch ist Qualitätssicherung. Die individuelle Beratung ist Unterstützung.
Warum Pflegeberatung oft falsch verstanden wird
Viele Angehörige kennen Pflegeberatung nur als Pflichttermin. Jemand kommt vorbei, stellt Fragen, schaut sich die Situation an, geht wieder. Das kann sich anfühlen wie Kontrolle - als müsste man beweisen, dass man "gut genug" pflegt.
Doch das ist ein Missverständnis. Pflegeberatung ist kein Kontrollbesuch. Sie soll helfen, nicht prüfen. Sie soll Lücken aufdecken - nicht beim Pflegenden, sondern im System. Sie soll Möglichkeiten zeigen, die viele gar nicht kennen.
Die Neuerungen ab 2026 sollen genau das klarer machen: Beratung ist kein Zwang, sondern ein Recht. Weniger Pflichttermine, dafür mehr Raum für echte Unterstützung.
Warum frühe Beratung entscheidend ist
Das eigentliche Problem ist nicht, dass Beratung zu oft stattfindet. Das Problem ist: Sie findet oft zu spät statt.
Viele Angehörige warten, bis sie am Ende ihrer Kräfte sind. Bis Konflikte eskalieren. Bis der Pflegebedarf plötzlich steigt. Dann suchen sie Hilfe - aber die Reserven sind längst aufgebraucht.
Frühe Beratung kann das verhindern. Sie hilft, rechtzeitig Strukturen aufzubauen, Entlastung zu organisieren, realistische Grenzen zu setzen. Sie zeigt, welche Leistungen von Anfang an genutzt werden können - und verhindert, dass Angehörige sich allein durchkämpfen.
Gute Zeitpunkte für Pflegeberatung:
- Wenn erste Anzeichen von Pflegebedarf sichtbar werden
- Nach einem Krankenhausaufenthalt
- Bei Verschlechterung des Gesundheitszustands
- Wenn die aktuelle Versorgung an Grenzen stößt
- Vor wichtigen Entscheidungen (z. B. Umzug ins Pflegeheim)
- Wenn Angehörige selbst überlastet sind
Pflegeberatung ist keine Notlösung. Sie ist präventiv. Wer frühzeitig berät, vermeidet Krisen.
Was eine gute Pflegeberatung leistet
Professionelle Pflegeberatung ist mehr als ein Informationsgespräch. Sie ist individuell, umfassend und lösungsorientiert.
Eine gute Beratung umfasst:
Bedarfsermittlung: Was braucht die pflegebedürftige Person konkret? Was brauchen die Angehörigen? Wo liegen Belastungen?
Leistungsklärung: Welche Ansprüche bestehen? Welche Leistungen können kombiniert werden? Wie werden sie beantragt?
Versorgungsplanung: Wie kann die Pflege organisiert werden? Welche Dienste oder Hilfen sind sinnvoll? Was ist realistisch?
Vernetzung: Wer kann unterstützen? Hausarzt, Therapeuten, Tagespflege, ambulanter Dienst, Selbsthilfegruppen?
Entlastung der Angehörigen: Wie können Angehörige selbst Kraft tanken? Welche Angebote gibt es (Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Gesprächsgruppen)?
Begleitung im Prozess: Pflegeberatung endet nicht nach einem Termin. Bei Bedarf kann sie langfristig begleiten, bei Veränderungen neu beraten, bei Problemen vermitteln.
Die Verschiebung 2026: Von der Pflicht zur Ressource
Die Änderungen ab 2026 sind keine Revolution. Aber sie sind ein wichtiges Signal:
Für Pflegegrad 4 und 5: Halbjährliche statt vierteljährliche Pflichtbesuche bedeuten mehr Spielraum. Wer gut versorgt ist und keine zusätzliche Unterstützung braucht, wird weniger "kontrolliert". Wer Unterstützung braucht, kann sie freiwillig öfter in Anspruch nehmen.
Für alle Pflegebedürftigen: Der Anspruch auf ergänzende Beratung wird klarer formuliert. Wird bei einem Beratungsbesuch Unterstützungsbedarf festgestellt, gibt es einen eindeutigen Rechtsanspruch auf weitere, individuelle Beratung.
In der Praxis: Beratung wird flexibler, bedarfsorientierter, weniger starr. Sie passt sich an die Situation an – nicht umgekehrt.
Wie Angehörige Pflegeberatung nutzen können
Der Zugang ist einfach:
Über die Pflegekasse: Jede Pflegekasse ist verpflichtet, Pflegeberatung anzubieten oder zu vermitteln. Ein Anruf genügt.
Über Pflegestützpunkte: In vielen Regionen gibt es Pflegestützpunkte, die unabhängig und kostenfrei beraten.
Über ambulante Pflegedienste: Viele Dienste bieten eigene Pflegeberatung an – durch zertifizierte Pflegeberater:innen, die Erfahrung mit den Abläufen vor Ort haben.
Über Beratungsstellen: Wohlfahrtsverbände, Sozialverbände oder kommunale Beratungsstellen bieten oft Pflegeberatung an.
Die Beratung findet in der Regel zu Hause statt - dort, wo die Pflege stattfindet. Das ermöglicht realistische Einschätzungen und konkrete Tipps.
Was Angehörige von Pflegeberatung erwarten dürfen
Gute Pflegeberatung ist:
- Neutral und unabhängig (nicht an bestimmte Dienste gebunden)
- Individuell und bedürfnisorientiert (kein Schema F)
- Verständlich (keine Fachsprache ohne Erklärung)
- Praktisch (mit konkreten Handlungsschritten)
- Empathisch (mit Zeit und Verständnis für die Situation)
Wenn eine Beratung diese Kriterien nicht erfüllt, dürfen Angehörige nachfragen, Feedback geben oder eine andere Beratungsstelle wählen.
Typische Fragen, die in der Pflegeberatung geklärt werden
In der Praxis drehen sich viele Beratungsgespräche um ähnliche Themen:
- Wie beantrage ich einen höheren Pflegegrad?
- Welche Hilfsmittel stehen zu, und wie bekomme ich sie schnell?
- Kann ich den Entlastungsbetrag auch für Haushaltshilfe nutzen?
- Wie funktioniert Verhinderungspflege – und wer darf sie übernehmen?
- Was kostet ein Platz in der Tagespflege, und wie wird er finanziert?
- Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Umzug ins Pflegeheim?
- Wie kombiniere ich Pflegegeld und Pflegesachleistungen?
- Wo finde ich Unterstützung für mich selbst als pflegende:r Angehörige:r?
Gute Pflegeberater:innen beantworten diese Fragen nicht nur theoretisch, sondern helfen konkret: Sie unterstützen beim Ausfüllen von Anträgen, vermitteln Kontakte, begleiten bei Terminen.
Was die Sozialagentur Konkret in der Pflegeberatung leistet
Als ambulanter Pflegedienst bietet die Sozialagentur Konkret professionelle Pflegeberatung an – durch zertifizierte Pflegeberater:innen mit langjähriger Erfahrung.
Unser Ansatz:
- Wir kommen zu Ihnen nach Hause und verschaffen uns ein realistisches Bild der Situation
- Wir hören zu - ohne Zeitdruck, ohne vorgefertigte Lösungen
- Wir entwickeln gemeinsam einen individuellen Versorgungsplan
- Wir unterstützen konkret: bei Anträgen, bei der Suche nach Hilfsmitteln, bei der Organisation von Entlastung
- Wir bleiben ansprechbar - auch nach dem ersten Beratungsgespräch
Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Leistungen zu vermitteln, sondern die richtigen Lösungen zu finden – Lösungen, die zur Lebenssituation passen und die langfristig tragfähig sind.
Pflegeberatung ist keine Schwäche
Viele Angehörige zögern, Beratung in Anspruch zu nehmen. Sie denken: „Ich muss das allein schaffen." Oder: „Andere haben es auch ohne Hilfe geschafft." Oder: „Ich will meiner Mutter nicht das Gefühl geben, dass sie zur Last wird."
Doch Pflegeberatung ist keine Schwäche. Sie ist klug. Sie ist Selbstfürsorge. Und sie ist gut für alle Beteiligten – für die pflegebedürftige Person genauso wie für die Angehörigen.
Wer sich frühzeitig Unterstützung holt, kann länger gut pflegen. Wer Überlastung vermeidet, bleibt selbst gesund. Wer weiß, welche Leistungen zustehen, kann sie nutzen – und muss nicht aus Unwissenheit darauf verzichten.
Fazit: Beratung neu gewichten, nicht neu erfinden
Pflegeberatung ist nicht neu. Neu ist, wie sie 2026 verstanden und genutzt werden soll. Weniger Pflicht, mehr Orientierung. Mehr Prävention, weniger Kontrolle. Mehr Raum für Gespräche, weniger administrative Hürden.
Diese Verschiebung mag leise sein. Aber sie hat das Potenzial, Pflege früher zu entlasten – und genau dort anzusetzen, wo Unterstützung am meisten hilft: bevor Überforderung entsteht.
Wer Pflegeberatung frühzeitig nutzt, vermeidet Krisen. Wer sie als Ressource begreift – nicht als Kontrolle –, profitiert von dem, was sie leisten kann: Orientierung, Entlastung, Unterstützung.
Sie brauchen Unterstützung bei der Organisation von Pflege?
Die Sozialagentur Konkret bietet professionelle Pflegeberatung – individuell, verständlich und mit Blick für Ihre persönliche Situation. Wir kommen zu Ihnen nach Hause und entwickeln gemeinsam Lösungen, die passen.
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