Psychische Behinderung: Wenn eine Erkrankung der Seele zur Behinderung wird

31. Januar 2024

Rollstuhl, Blindenstock und Co.: Körperliche Einschränkungen halten oft als plakatives Symbol für Behinderungen her. Doch wie sieht es mit psychischen Krankheiten aus? Sie sind für Außenstehende oft unsichtbar, meist wissen nur engste Vertraute von ihnen. Dabei können Auswirkungen seelischer Krankheiten auf das Leben der Betroffenen ebenso tiefgreifend sein wie bei einer Krankheit des Körpers. Wenn psychische Probleme so gravierend werden, dass sie den Alltag und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erheblich beeinträchtigen, kann aus der Krankheit gar eine psychische Behinderung werden. 

Was ist eine psychische Erkrankung?

Psychische Erkrankungen umfassen ein breites Spektrum an Störungen, die die emotionale, kognitive und verhaltensbezogene Funktion beeinträchtigen. Dazu gehören Depressionen, Burnout, Suchterkrankungen, Angststörungen, bipolare Störungen, Demenz, Schizophrenie und viele andere. Diese Erkrankungen können durch eine Kombination von genetischen, biologischen, umweltbedingten und psychologischen Faktoren verursacht werden. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie die Art und Weise beeinflussen, wie Menschen denken, fühlen und handeln.



Die Auswirkungen einer psychischen Krankheit auf den Alltag können vielfältig und tiefgreifend sein. Betroffene können Schwierigkeiten haben, einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, soziale Beziehungen zu pflegen und alltägliche Aufgaben zu bewältigen. Dies kann zu sozialer Isolation, Arbeitslosigkeit und einem erhöhten Risiko für Armut und Wohnungslosigkeit führen. Darüber hinaus können Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen zusätzliche Barrieren darstellen.

Wann wird eine psychische Erkrankung zur Behinderung?

Nicht jede psychische Erkrankung führt auch zwangsläufig zu einer psychischen Behinderung. Eine psychische Erkrankung wird dann als Behinderung angesehen, wenn sie langfristige und wesentliche Einschränkungen bei der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben verursacht. Dabei wird eine Krankheit generell dann zu einer Behinderung, wenn sie länger als sechs Monate anhält. So heißt es auch im SGB IX §2 Abs. 1:


„Menschen mit Behinderungen sind Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können.“


Betroffene können in diesem Fall einen Grad der Behinderung (GdB) beantragen. Zur Beurteilung der Beeinträchtigung wird in der Regel ein psychiatrisches Gutachten herangezogen. Bewertungsgrundlage sind neben der Art der psychischen Erkrankung immer auch die Auswirkungen der Beeinträchtigung auf die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft. Bei Vorliegen einer psychischen Behinderung stehen verschiedene Unterstützungsmaßnahmen zur Verfügung. Im Arbeitsleben zählen dazu beispielsweise Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM), Therapie, Änderungen in der Arbeitsorganisation sowie Unterstützte Beschäftigung (UB).

Anerkennung als Schwerbehinderung

 

Psychische und seelische Erkrankungen können auch als Schwerbehinderung anerkannt werden. Als schwerbehindert gilt, wer einen anerkannten GdB von 50 oder mehr hat. Als Arbeitnehmer*in ist es unter Umständen möglich, bereits ab einem GdB von 30 schwerbehinderten Menschen gleichgestellt zu werden.

Fazit: Verständnis und Unterstützung als Schlüssel

Psychische Erkrankungen, oft unsichtbar und im Verborgenen existierend, stellen eine ebenso ernsthafte Herausforderung dar wie körperliche Beeinträchtigungen. Sie können das Leben der Betroffenen tiefgreifend beeinflussen. Die Anerkennung einer psychischen Erkrankung als Behinderung, wenn sie langfristige und wesentliche Einschränkungen im gesellschaftlichen Leben verursacht, ist ein wichtiger Schritt zur Gleichstellung. Die Möglichkeit, einen Grad der Behinderung feststellen zu lassen und Nachteilsausgleiche zu erhalten, ist ein wesentlicher Aspekt für die Unterstützung und Integration von Menschen mit psychischen und seelischen Beeinträchtigungen in die Gesellschaft.

Diesen Artikel teilen

von Katrin Riebau 18. Mai 2026
Epileptischer Anfall: Was im Notfall wirklich hilft, welche Fehler vermieden werden sollten und wie Sie richtig reagieren.
18. Mai 2026
Sexualität und Behinderung: Warum das Thema oft tabu ist und wie Selbstbestimmung, Nähe und Unterstützung möglich werden.
18. Mai 2026
Irgendwann verändert sich etwas. Vielleicht ist es ein erster Moment der Unsicherheit. Eine vergessene Verabredung. Ein Sturz. Oder einfach das Gefühl, dass Dinge nicht mehr so selbstverständlich funktionieren wie früher. Und plötzlich steht eine neue Realität im Raum: Die eigenen Eltern brauchen Unterstützung. Für viele ist das ein Einschnitt, der sich nicht nur organisatorisch bemerkbar macht. Sondern vor allem emotional. Denn mit der Pflege der Eltern verändert sich oft auch die Beziehung.
18. Mai 2026
Die Frage, wie und wo man lebt, gehört zu den wichtigsten Entscheidungen im Leben. Für Menschen mit Behinderung ist sie oft mit zusätzlichen Überlegungen verbunden. Nicht, weil der Wunsch nach einem eigenen Zuhause anders ist. Sondern weil Rahmenbedingungen eine größere Rolle spielen. Wie viel Unterstützung wird benötigt? Wie selbstständig soll der Alltag gestaltet sein? Und welche Wohnform passt wirklich zur eigenen Situation? Die gute Nachricht: Es gibt heute mehr Möglichkeiten als früher. Und viele Wege führen zu einem selbstbestimmten Leben.
von Katrin Riebau 6. Mai 2026
Leichte Sprache im Alltag: Warum sie Verständnis schafft, Barrieren abbaut und für mehr Teilhabe im täglichen Leben sorgt.
6. Mai 2026
Grenzüberschreitungen in der Pflege erkennen: Wann Nähe zu viel wird und wie klare Grenzen im Alltag Sicherheit für alle schaffen.
von Katrin Riebau 6. Mai 2026
Der Wunsch, eine Ausbildung zu machen, ist für viele selbstverständlich. Für Menschen mit Behinderung ist der Weg dorthin oft komplexer. Nicht, weil die Motivation fehlt. Sondern weil Strukturen nicht immer passen. Das Budget für Ausbildung ist genau dafür gedacht: Es schafft Möglichkeiten, Ausbildung außerhalb klassischer Wege zu ermöglichen. Und es eröffnet Perspektiven, die vorher oft nicht greifbar waren.
6. Mai 2026
Neurodivergenz am Arbeitsplatz verstehen: Wie ADHS und Autismus Stärken sein können und welche Unterstützung im Arbeitsalltag hilft.
6. Mai 2026
Hilfsmittel im Alltag: Welche wirklich unterstützen und worauf es ankommt – für mehr Selbstständigkeit und Entlastung im täglichen Leben.
6. Mai 2026
Demenz im Alltag verstehen: Was wirklich hilft, wenn Orientierung schwindet – mit praktischen Tipps für mehr Sicherheit und Stabilität.
Weitere Beiträge